tugendland
 

Ich lese in einem Buch über die Ikonographie der Tugenden des Mittelalters während ich auf meine U-bahn warte. Von der Plakatwand eines Kaufhauses herunter, schreit ein weibliches Modell mir zu: Geiz(ein Laster) ist Geil. Nicht sonderlich irritiert studiere ich weiter und frage mich, warum gerade Ergebenheit zu den Tugenden zählt? Was bedeutet eigentlich Ergebenheit?
Da blicke ich auf und stolpere überwältigt in den geöffneten Mund einer halbnackten Blonden, Leuchtreklame.
So ergeben, blicken sehnsüchtige Menschen, nur von Werbungen her, auf mich. Sehnsucht findet sich nicht in der Tugendenliste dieses Buches. Kann der schöne Mann aus der Illustrierten, der so eregend glänzt, dass sein letztes Kleidungsstück sich verschämt über seine Hüftknochen hinweg fort macht, nicht auch tugendhaft sein? Könnte man aus seinem Bild den Markenauftrag entfernen und dann zum Beispiel durch das Wort Glückseligkeit(eine Tugend) ersetzen? Wäre dann eine Tugendwerbung hergestellt? Also eine Tugend, die um dich wirbt und dir sagt: mach dich frei und sei glückselig!?

Auch die jungen Damen der historischen Tugenddarstellungen wollten ihre Betrachter verführen. Körperlich sehr reizvoll und durch ihre symbolischen Attribute ausgezeichnet (z.B. Glauben/Treue lateinisch fides, durch einem Hund).
Den Tugenden längst vergangener Jahrhunderte verlangte es jedoch nach Taten. Und Ehrgeiz war ein Laster, als die personifizierten Tugenden geistige Ideale waren.

Tugenden sind wertvolle, aber nicht von Aussen einsehbare Verhalten. So kann zum Beispiel Einfachheit, die Tugend der Einen, der Anderen als Nachlässigkeit erscheinen. Die Motivation hinter der tugendhaften Tat kommt dem Einen selbstlos, dem Anderen scheinheilig vor.

Im Bestreben das eigene Denken und Handeln zu vervollkommnen, steckt eine grosse Herausforderung. Tugend fordert Hingabe. Und in jeder Situation neu, ein hohes Mass an Aufmerksamkeit, das über Pflicht und Verantwortung weit hinaus geht. Der tugendhafte Mensch stellt, der Tugend zu Liebe, seinen persönlichen Vorteil in den Hintergrung.

Die Bühne

Tugendland ist eine Bühne auf einer Waldlichtung, am romantischen Rhein. Gebaut aus dem Holz alter Versandkisten und der Verschalung eines Brückenrohbaus. Hier hat man einen schönen Ausblick. Und für ein Jahr eine Plattform für Inszenierungen, innerhalb derer sich, Personen tugendhaft verhalten sollen. Diese Aufführungen werden photographisch dokumentiert. So wird eine Serie zeitgenössischer Tugenddarstellungen entstehen.
Im Tugendland wird nicht idealisiert. Im Tugendland kann sich die Tugend präsentieren, wie sie sich fühlt. Eifrig oder gelangweilt, siegreich oder erschöpft, keusch oder fordernd. Es geht um die tugendhafte Tat.
Erlebnisse vieler Menschen sollen die Grundlage für die Inszenierung der einzelnen Tugenden bilden. Kleine Begebenheiten des Alltags oder grosse Besonderheiten. Erlebnisse, die dich Selbst oder Andere überascht und berührt haben. Dinge, die deinen Blick auf die Welt verändert haben. Oder hätten verändern können. Auch Fiktionen sind willkommen.
Darum hier die Aufforderung, eine Tugend aus der Liste zu wählen, und diese mit einem persönlichen Erlebniss zu beschreiben. Deine Tugend und dein Text werden so zu einer Regieanweisung im Tugendland.

GENUSS